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"Vielfalt in Europa" - Scrum4Schools am Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg Minden (#1)

von Laura Vollmann-Popovic I

Seit dem Schuljahr 2022/2023 nutzt Lehrerin Dorothee Rahlmeyer Scrum4Schools regelmäßig in ihrem Unterricht. Gestartet hat sie Ende September 2022 mit 18 Schüler:innen der „Projektklasse Europa“ der Höheren Handelsschule am Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg in Minden. Knapp vier Monate lang arbeiteten die Schüler:innen an zwei Unterrichtsstunden pro Woche mit der agilen Lernmethode zum Schwerpunktthema „Vielfalt in Europa“. In diesem Interview spreche ich mit Dorothee über ihre Erfahrungen mit Scrum4Schools.


Laura: Dorothee, erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch mit mir nimmst. Als erstes interessiert mich die Frage, wie du überhaupt darauf gekommen bist, mit Scrum4Schools zu arbeiten?


Dorothee: Zwei Kolleginnen haben an unserer Schule eine Klasse mit dem Schwerpunkt „Selbstgesteuertes Lernen“ initiiert. Da ich gerne in diesem Bereich mitarbeiten wollte, habe ich mich mehr mit diesem Thema beschäftigt. Nachdem ich in den Sommerferien Tom Mittelbachs Buch „SCRUM in die Schule“ gelesen und dort euer Kapitel zur Einführung von Scrum4Schools im Unterricht gelesen habe, stand für mich fest, dass ich die Methode gerne auch in meinen Klassen anwenden möchte. Zudem habe ich eine Fortbildung über fobizz zum Thema „agile Methoden“ absolviert.


Was genau hat dich letztendlich dazu bewogen Scrum4Schools ausprobieren zu wollen?


Mich haben besonders die hohe Eigenverantwortung der Schüler:innen und die positive Fehlerkultur von der Methode überzeugt. „Fehler machen“ wird bei Scrum4Schools nicht als Schwäche verstanden, sondern als notwendige Voraussetzung, um sich weiterzuentwickeln und zu lernen. Auch fördert die Arbeit der Schüler:innen in Lernteams neben der Selbstständigkeit und Selbstorganisation auch die Teamfähigkeit, nicht zuletzt durch die regelmäßig stattfindenden Retrospektiven, in denen die Schüler:innen ihre Zusammenarbeit im Team reflektieren.


Gleichzeitig wird durch die regelmäßigen Feedbackrunden (Reviews) ein gutes Maß an Verbindlichkeit geschaffen und es gibt wiederholt und zu vorab festgelegten Zeitpunkten die Gelegenheit zur Beratung der Schüler:innen. Dadurch muss ich als Lehrkraft nicht immer wieder die Arbeitsprozesse in den Lernteams durch meine Anwesenheit unterbrechen. Besonders positiv finde ich auch, dass die Feedbackrunden bewertungsfrei sind. Dadurch lernen und erfahren die Schüler:innen, dass Fehler und Schwierigkeiten völlig normal sind und die Chance bieten, etwas aus ihnen zu lernen und den Status Quo zu verbessern: Sie bekommen die Möglichkeit, von einem „Fixed Mindset“ zu einem „Growth Mindset“ zu gelangen.

​Das Konzept des „Growth Mindset“ geht auf die amerikanische Forscherin Carol Dweck zurück. Sie fand heraus, dass die Bereitschaft zu lernen, zu üben, dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln maßgeblich dafür ist, wie erfolgreich Menschen in ihrem Leben sind. Menschen mit einem Growth Mindset sind davon überzeugt, dass sie ihre Talente, Fähigkeiten und Intelligenz durch harte Arbeit und kontinuierliches Lernen stetig verbessern und ausbauen können. Menschen mit einem „Fixed Mindset“ hingegen glauben, dass all diese Attribute angeboren und im Verlauf des Lebens unveränderbar sind.

Kannst du noch genauer umreißen, was du damit meinst?


Aus der eigenen Schulzeit kennt es sicherlich noch jede:r: Man malt in Kunst ein Bild, schreibt eine Gedichtanalyse in Deutsch, erarbeitet eine umfangreiche Präsentation für Biologie und hinterher gibt es eine Note dafür. Diese Note (und deren Begründung) ist dann entweder zufriedenstellend oder eben auch nicht. Das Problem daran: Man kann diese Note nicht mehr ändern, da die Bewertung im Nachgang an die Erstellung des Lernproduktes stattgefunden hat. Dieses Problem löst Scrum4Schools durch die regelmäßigen Feedbackrunden, die der Abschlussbewertung des Lernprodukts vorangestellt sind. Das ist neben der hohen (positiven) Entwicklungsorientierung auch mit Blick auf die Wertschätzung der Arbeit der Schüler:innen für mich ein großer Gamechanger in der Bewertung von Lernergebnissen.


Unser Europa-Projekt schien mir aufgrund der offenen Lehrplangestaltung für einen ersten Versuch mit Scrum4Schools prädestiniert zu sein. Als ich mit der Planung anfing, schaute ich auch immer wieder in die Veröffentlichung von Tom Mittelbach und euren sehr hilfreichen Beitrag zur Einführung von Scrum4Schools im Unterricht. Nach ein bisschen Recherche habe ich mich einfach mal bei euch gemeldet und schnell eine Antwort bekommen, sodass daraus diese Kooperation entstanden ist.


Erzähle uns etwas mehr über deinen ersten Versuch mit Scrum4Schools zum Thema Europa. Was für Lernprodukte sind entstanden?


Im Rahmen des Projektes haben die Schüler:innen eine Ausstellung zum Thema „Vielfalt in Europa“ organisiert und die Ausstellungsprodukte dafür selbst erstellt. Eine Woche lang konnten sich die anderen Klassen unserer Schule das Ergebnis ansehen bzw. es erleben. Die Lernprodukte sind dabei überwiegend digital gestaltet: Ein Kahoot zu kulturellen Stereotypen aus der EU wurde zu Beginn jeder Runde gespielt und leitete so den Besuch unserer Ausstellung ein. Während anschließend eine Gruppe einen Escape Room mit allgemeinen Fragen zum Thema „Vielfalt in der EU“ in Microsoft OneNote präsentierte, hat eine andere Gruppe PowerPoint für ein Daumenkino mit einer Geschichte zu Religionsvielfalt genutzt. Eine weitere Gruppe hat ein Erklärvideo gedreht und dabei den Schwerpunkt auf das Thema „kulturelle Vielfalt“ gelegt. Den gleichen Schwerpunkt hat eine andere Gruppe für ein Spiel genutzt: Ziel des Spiels ist es, verschieden aussehenden und mit Flaggen gestalteten Figuren die zu dem jeweiligen Land passende Nationalspeise sowie den Satz „Wir halten zusammen“ in der Landessprache zuzuordnen. Gar nicht so einfach, aber es hat unseren Besucher:innen viel Spaß gemacht!


Das klingt richtig gut! Wie hast du denn eigentlich die Teamaufteilung vorgenommen?


Mein Kollege Mario Engelke und ich haben der Klasse lediglich die maximale Teamgröße von vier Personen vorgegeben. Die weitere Einteilung haben sie selbst organisiert. Dabei sind hinsichtlich der Stärken und Interessen insgesamt fünf ausgewogene Lernteams entstanden.


Wie haben die Teams mit der Lernmethode gearbeitet? War es für die Schüler:innen leicht, Scrum4Schools anzuwenden?


Die Schüler:innen haben die Methode insgesamt gut angenommen. Ich fand es sehr spannend zu sehen, dass die Teams, die die Planungsphasen den Vorgaben entsprechend umgesetzt haben, deutlich strukturierter und effektiver an ihrem Projekt gearbeitet haben als die Teams, die die Planung immer nur sehr oberflächlich angegangen sind. Auf die angemessene Durchführung des Planungstreffens habe ich also bei meiner nächsten Unterrichtseinheit mit Scrum4Schools – der Erstellung von #BookToks in meinem Literaturkurs - noch mehr geachtet.


Während der Retrospektiven brauchten die Lernteams noch ein bisschen mehr Anleitung. Daran habe ich am stärksten gemerkt, dass sie diese Art der Reflexion (noch) nicht gewohnt sind. Während der Arbeitsphasen bekamen wir zwischendurch von den Lernteams die Rückmeldung, dass durch die Feedback-Runden und Retrospektiven zu viel echte Arbeitszeit verloren ginge. Darauf konnten wir einfach reagieren, indem wir in der zweiten Projekthälfte längere Sprints (Lernzyklen) angesetzt haben. Damit waren am Ende alle zufrieden.


Wie hast du deine Rolle als Lerncoach empfunden?


Wenn man es als Lehrperson gewohnt ist, in selbstständigen Arbeitsphasen immer wieder zu schauen, ob und wie die Teams vorankommen oder wer vielleicht noch Hilfe benötigt (eine Kollegin nennt es liebevoll „der Erklärbär sein“), ist die Umstellung anfangs noch ein bisschen schwierig. Nach der ersten Feedbackrunde fiel uns das schon deutlich leichter, weil wir wussten, dass wir unseren Schüler:innen und der Methode vertrauen können. Das eröffnete uns auch die Möglichkeit, unsere Lernteams in Ruhe während solcher Prozesse im Team zu beobachten, sodass wir die Lernenden auch dahingehend viel besser beraten konnten.


Was hast du in dieser Zeit persönlich gelernt?


Obwohl ich vorher schon das Gefühl hatte, die Scrum4Schools-Methode gut verstanden zu haben, habe ich im Zuge der Anwendung noch viel dazulernen dürfen: Das begann bei der Bedeutung des klaren Timeboxing (einem festen Zeitrahmen für die einzelnen Treffen, der nicht überschritten werden darf), ging über Möglichkeiten zur Organisation der Lernteams (durch die Arbeit mit dem digitalen Whiteboard „miro“) hin zu den Impulsen, die Wafaa Yalcin aus dem Scrum4Schools-Team für die Retrospektiven und Feedback-Runden für uns im Gepäck hatte. Zudem ist mir noch deutlicher geworden, wie wichtig eine entwicklungsorientierte Lernkultur ist. Ich bin mir sicher, dass Scrum4Schools viel dazu beitragen kann und darauf freue ich mich!


Liebe Dorothee, vielen lieben Dank für das tolle Gespräch!


 

Du willst im Unterricht ebenfalls mit Scrum4Schools arbeiten?


Dann komm zu einem unserer Methodentrainings und erfahre, wie du als Lehrkraft deine Schüler:innen mit Scrum4Schools befähigen kannst, in selbstorganisierten Lernteams zu arbeiten. Das Training bietet einen idealen Einstieg in agile Lernformate. Aktuelle Termine findest du auf unserer Homepage.

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Quellen


Mittelbach, Tom (2020). Scrum in die Schule. Zeit für mehr Agilität im Unterricht. Kostenloser Download: https://visual-books.com/scrum-in-die-schule/.


Dweck, Carol S. (2017). Mindset: Changing The Way You think To Fulfil Your Potential.Little. Brown Book Group: London.


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